Geschichte

Gesellschaft, Wirtschaft und Kultur im Hoch- und Spätmittelalter

Bevölkerungs- und Siedlungsentwicklung
Das Spät Mittelalter bedeutete für B. eine Epoche vielseitigen, wenn auch wechselvollen Wachstums. Zwischen 1300 und 1500 stieg die Bevölkerungszahl, v.a. durch Zuwanderung, von 6'000 auf 10'000 Einw. an. Allein im 15. Jh. wurden 14'100 Personen in das Basler Bürgerrecht aufgenommen. Die wiederholten, meist pestbedingten Bevölkerungskrisen (insbes. 1349, 1395, 1418-19, 1439) bremsten diese Entwicklung nur vorübergehend. Das Erdbeben von 1356 brachte nur geringfügige Verluste an Menschenleben. Das Konzil von Basel (1431-48) hatte wegen der Teilnehmer und ihres Gefolges sowie wegen des intensiveren Handels einen vorübergehenden Bevölkerungsanstieg zur Folge, ebenso der St. Jakoberkrieg (1443-49) wegen der Söldner und der Flüchtlinge aus dem Sundgau. Die permanenten Zuwanderungen des 14. und 15. Jh. erfolgten mehrheitl. aus dem Elsass und Breisgau und aus süddt. Städten, nach 1400 verstärkt aus den Untertanengebieten B.s im Sisgau.

Auf dem Münsterhügel, "auf Burg", etablierte sich im Umfeld des Bf. die höf. Gesellschaft. In der frühstädt. Siedlung am Birsig liessen sich Handwerker und Händler nieder. Das besiedelbare Gelände war hier auf das trockene, am Hangfuss gelegene Gebiet links des Birsigs beschränkt, wo die ma. Siedlungsspuren im 10. Jh. einsetzen. Die Verbindung zum Münsterhügel verlief verm. über eine Brücke unterhalb des Schlüsselbergs. Die Anfänge der Gewerbesiedlung gehen wohl auf eine Marktstelle bei einer wenig oberhalb der Mündung am Birsig gelegenen Lände (beim heutigen Fischmarkt) zurück. In diesem Bereich lagen die Kapellen der hl. Ursula und Brendan (Patrone der Schiffsleute), die Rückschlüsse auf Fernbeziehungen (Köln?) gestatten. Ihre Standorte können nicht mehr genau lokalisiert werden.

Die in den 1930er Jahren am Petersberg beobachteten Reste von Holzbauten aus dem 10./11. Jh. erfuhren Ergänzung durch neue Befunde entlang der Stadthaus- bzw. Schneidergasse bis zum Rümelinsplatz. Diese gestatten Rückschlüsse auf die Entwicklung der Grundstücks- und Bebauungsstrukturen seit dem 11. Jh. in der unteren Talstadt am Birsiglauf: Im 11.-13. Jh. standen regelmässig angeordnete Holzbauten (Buden) längs der Strassen und Steinhäuser (Wohnen) im hinteren Teil der Parzellen; dazwischen lagen Hofzonen (Werkstätten). Im 14. Jh. führten Parzellenteilungen (Bevölkerungszuwachs, Erbteilungen) zum Ausbau und zur "Versteinerung" der strassenseitigen Zonen und Fassaden. Die ma. Bausubstanz und der städtebauliche Habitus (Parzellenstrukturen, Fassadengliederung) prägen noch heute das Altstadtbild Basels.

Von der Jahrtausendwende an war Sankt Peter (BS) , an der oberen Talkante gelegen, Begräbniskirche (Totengässlein). In markanter Spornlage wurde anfangs des 12. Jh. das Augustinerkloster St. Leonhard angelegt. Im Zentrum der unteren Talstadt wurde in der 2. Hälfte des 11. Jh. die Andreaskapelle erbaut und im 13. Jh. mit einem Friedhof ausgestattet.

In der oberen Talstadt setzte die Besiedlung im Areal Barfüsserkirche um 1100 ein. Im 12. Jh. erfolgte die bauliche Erschliessung zu beiden Seiten des Birsigs: Strassenraster, Parzellierung und Steinhäuser sind im Gebiet Gerbergasse, Falknerstrasse und Weisse Gasse vom 13. Jh. an nachweisbar. Der Talhang westl. des Birsigs war im 12./13. Jh. terrassiert und locker bebaut.

Im letzten Viertel des 11. Jh. wurde die Kernstadt befestigt. Die sog. Burkhardsche Stadtmauer -- Befestigungsanlagen sind im Gründungsbericht des um 1083 von Bf. Burkhard von Fenis errichteten Klosters St. Alban erw. -- wurde am westl. Terrassenrand längs des Leonhards- und Petersgrabens an versch. Stellen nachgewiesen. Die Kirchen St. Peter und St. Leonhard liegen innerhalb des Mauerrings. Die Zone zwischen Talkante und Stadtmauer (Heuberg, Nadelberg) wurde vom 11. Jh. an von Gefolgsleuten des Bf. besiedelt. Der Verlauf der Mauer in der Talsenke, zwischen Leonhardssporn und Münsterhügel, ist noch unbekannt. Östl. des Birsigs wurde im 12. Jh. der bischöfl. Vorstadtbereich mit der Dompropstei ( Basel (Domkapitel) ) ummauert (St.-Alban-Graben-Steinenberg). Um die Mitte des 13. Jh. wurden die beiden ummauerten Bereiche westl. und östl. des Birsigs zum geschlossenen Inneren Mauerring ausgebaut: Westl. des Birsigs errichtete man 3-5 m ausserhalb der Burkhardschen Mauer eine neue, mächtigere Wehrmauer. Zwischen den beiden Mauern entstand ein Rondenweg. Ältere Türme wurden stellenweise integriert. Die sumpfige Niederung beim Barfüsserplatz wurde durch eine mächtige Sperrmauer abgeriegelt. In der Kernstadt entstand im 12.-13. Jh. eine dichte Überbauung, deren Struktur das oben umrissene Sozialgefüge der Stadt spiegelt. Das Stadtbild wurde dominiert von den zahlreichen Pfarr- und Klosterkirchen, namentl. vom Münster, der Ende des 12. Jh. an Stelle des Heinrichsmünsters im spätrom. Stil neu erbauten bischöfl. Kathedrale. Neben die zahlreichen Wohntürme der vornehmen Oberschicht, deren Errichtung 1180 von Ks. Friedrich I. der Kontrolle des Bf. unterstellt worden war, traten im 13.-14. Jh. palazzoartige Höfe.

Im St.-Alban-Tal entstand im 12. Jh. die Gewerbesiedlung beim Cluniazenserpriorat mit Kanälen, Teichen und Mühlen. Rechts des Rheins wurden die Dörfer Ober- und Niederbasel (1113 obern Basel) durch die zwischen 1225 und 1250 angelegte Stadt Kleinbasel abgelöst. Um diese Zeit erfolgte auch der Bau der Rheinbrücke. Die alte Pfarrkirche St. Theodor wurde in die 1255 erstmals erw. Befestigung Kleinbasels einbezogen. Die Funktion massiver Fundamentreste beim Reverenzgässlein ist ungewiss. Sie könnten zum spätröm. Burgus oder zu einer Burg der Zähringer gehört haben, die das Territorium rechts des Rheins bis 1218 beherrscht hatten. Ende des 13. Jh. wurde Kleinbasel um das Areal des Gr. Klingentalklosters erweitert.

Im 13. Jh. erfuhr das Stadtbild prägende Veränderungen. Versch. städtebauliche Massnahmen erforderten eine koordinierte Planung. So bewirkten neue klösterl. Niederlassungen (u.a. Dominikaner, Franziskaner, Augustiner, Deutschritter, Johanniter) den Teilabbruch und Neubau von Stadtmauern (Klingental und Barfüsserkirche), am Barfüsserplatz auch Aufschüttungen und ausgedehnte Geländeplanierungen. Für die Abnahme der neuen Rheinbrücke und Strasse musste die sumpfige Überschwemmungszone des Birsigs auf der Grossbasler Seite trockengelegt werden (2-3 m mächtige Aufschüttungen). Marktplatz und Rathaus wurden vom heutigen Fischmarkt an die neue Strassenachse Rheinbrücke-Freie Strasse verlegt. Das Rathaus, anfängl. an der nördl. Stirnseite des Marktplatzes situiert, wurde im 14. Jh. am heutigen Standort neu erbaut. An dieser Marktstrasse standen auch die meisten Zunfthäuser. An den Ausfahrtsstrassen entstanden die Vorstädte, die z.T. bereits im 13. Jh. befestigt wurden (St. Alban, Spalen). Dieser Vorgang wurde u.a. durch die dort angelegten Klöster beschleunigt. Der 1362-98 erbaute Äussere Mauerring fasste die nach eigenen Gesetzmässigkeiten gewachsenen Vorstädte zum Areal der spätma. Stadt zusammen. Dessen Innenfläche wurde erst im 19. Jh. vollst. überbaut. Rückschläge in der baulichen Entwicklung brachten grössere Stadtbrände (z.B. 1377, 1417, Kleinbasel 1327 und 1354). Das Erdbeben vom 18.10.1356 zerstörte B. v.a. durch Brand, denn die Erdstösse brachten nur hohe Steinbauten (Chor des Münsters, Kirchtürme, Zinnenkranz der Stadtmauer) zum Einsturz, lösten aber eine vernichtende Feuersbrunst aus, vor der sich die Bevölkerung ins Freie flüchtete. Der Wiederaufbau erfolgte rasch und wurde durch die Errichtung des Äusseren Mauerrings abgeschlossen. Rolf d'Aujourd'hui, Werner Meyer

Wirtschaft
Die Siedlungsstrukturen und Keramikfunde in der Basler Talstadt sowie Münzprägungen unter dem ostfränk. Kg. Ludwig IV. (900-911) und dem burgund. Kg. Konrad (937-993) geben Hinweise auf das Aufkommen von Handel und Gewerbe im 10. Jh. Nachrichten darüber sind jedoch bis ins 13. Jh. spärl.: 1075 sind mercatores Basilienses in der Gegend des Bodensees erwähnt. In der Koblenzer Zollordnung von 1209 werden erstmals Basler Handelsschiffe auf dem Rhein genannt. 1216 und 1248 erscheinen B.s Kaufleute in Genua und Marseille. Hinweise auf gewerbl. Tätigkeiten (Leder- und Metallverarbeitung, Beinmanufaktur, Weberei, Gerberei) geben archäolog. Funde.

Die vorwiegend in der Birsigniederung und in den Vorstädten angesiedelten Handwerker, Krämer und Gewerbetreibenden organisierten sich vom 13. Jh. an unter bischöfl. Kontrolle in Zünften. Diese übten zunächst bruderschaftl. und berufsständ. Funktionen aus, blieben aber bis ins 14. Jh. hinein von politischer und militärischer Verantwortung ausgeschlossen.

Vom HochMA an war die Stadt B. unbestritten das wirtschaftl. Zentrum am südl. Oberrhein. Kleinere benachbarte Städte wie Rheinfelden, Mülhausen, Laufen oder Liestal standen deutl. zurück. B.s wirtschaftl. Führungsrolle ergab sich einerseits aus dem Fernhandel, andererseits aus dem vom 13. Jh. an zünft. organisierten Handwerk. B.s landwirtschaftl. Versorgung stammte z.T. aus dem eigenen Stadtbann, mehrheitl. aber aus dem Sundgau, dem nahen Breisgau und dem Jura. In der Stadt selbst gab es mehrere Marktplätze. Der älteste lag vor dem Münster (bis zum Konzil), weitere wichtige befanden sich vor dem Rathaus (Kornmarkt), vor der Barfüsserkirche (Viehmarkt) und bei der Schifflände (Fischmarkt). Die Wochenmärkte dienten v.a. der alltägl. Versorgung, die zwei Jahrmärkte oder Messen dem internat. Handel. Letztere kamen im 15. Jh. auf und wurden 1471 durch das Messeprivileg Ks. Friedrichs III. legitimiert. Die Frühlingsmesse ging aber noch vor 1500 wieder ein, und der Herbstmarkt erlangte keine wesentl. überregionale Bedeutung. Dagegen waren Kaufleute aus B. auf den grossen europ. Messen (u.a. Genf, Frankfurt, Lyon) anzutreffen. Die Einbindung B.s in den internat. Transithandel führte nach 1472 zur Einrichtung des Basler Stadtwechsels ( Banken ). Grosse Bedeutung für B.s wirtschaftl. und gesellschaftl. Entwicklung erlangte das Basler Konzil (1431-48). Es führte zum Aufschwung der Papierindustrie, die B. gegen Ende des 15. Jh. zu einem Zentrum des Buchdrucks machen sollte. Vor 1440 begründete Heinrich Halbisen das Basler Papiergewerbe, das die Fam. Gallizian um 1500 zur Blüte brachte. Die Einführung des Buchdrucks (erster erhaltener Druck um 1468) war damit verbunden, und dessen Entwicklung stand wiederum in engem Zusammenhang mit der 1460 gegr. Universität Basel sowie mit den ausserhalb der Univ. wirkenden Humanisten. Symptomat. für die Bedeutung B.s als Handelsstadt war im 15. Jh. die Bildung von frühkapitalist. Ges., die über die Schranken der Zunftordnungen hinweg Rohstoffproduktion, gewerbl. Verarbeitung und grossräuigen Absatz sowie Fernhandel betrieben ( Halbisen-Gesellschaft , Irmi, Grieb, Offenburg, Zscheckenbürlin, Meltinger). Gegen Ende des 15. Jh. brachte der Widerstand der Zünfte das Ende des monopolist. Gesellschaftswesens und den Sieg des Kleinhandels.

Gesellschaft
Im 13. Jh. setzte sich die weltl. Oberschicht aus dem auf dem Münsterhügel und auf der Achse St. Leonhard-St. Peter residierenden Ritteradel und der lehnsfähigen Bürgerschaft, den sog. Achtburgern, zusammen. Ritter und Achtburger waren in der zunftähnl. Ges. der "Hohen Stube" vereinigt. Zu den Achtburgern zählten ausser den Kaufleuten auch die nach 1300 aus Oberitalien eingewanderten Bankiers ( Lombarden ).

In Anbetracht der vielen Kirchen und Klöster muss der Anteil geistl. Personen an der städt. Gesamtbevölkerung gut 10% betragen haben. Sie bildeten allerdings eine heterogene, gelegentl. auch in sich zerstrittene Gruppe von Domherren, Leutpriestern, Kaplänen, Mönchen und Klosterfrauen, Beginen und Begarden.

Die weibl. Zuwanderer aus der ländl. Untertanenbevölkerung hatten in erster Linie den Bedarf der stadtbürgerl. Haushalte an Dienstboten zu decken, während sich die Männer über den Status des Handwerksgesellen ins Bürgertum zu integrieren trachteten. In der Handwerkersiedlung am Birsig (v.a. an der Gerbergasse) lebten die Juden, die zweimal eine Gem. bildeten (ca. 1200-1349, 1370-1400) und über Begräbnisplätze sowie eine Synagoge verfügten. Im Pestjahr 1349 steckten verm. die "Lombarden" hinter der blutigen Verfolgung der Juden, die eine unerwünschte Konkurrenz im Kreditgeschäft bedeuteten. Die zweite Judengem. löste sich gegen 1400 auf, da ihre Angehörigen aus Angst vor einer gewaltsamen Schuldentilgung B. verliessen.

Erst im 15. Jh. wird ein verm. älteres Quartier auf dem Kohlenberg in den Quellen fassbar, das von den städt. Randgruppen (u.a. Henker, Abdecker, Prostituierte, Fahrende sowie Freiheitsknaben, d.h. Kloakenreiniger und Lastenträger) bewohnt war und einen eigenen Gerichtsbez. bildete.

Kirche und religiöses Leben, soziale Einrichtungen, Bildung und Kultur
Die Stadt B., ein Zentrum des kulturellen Lebens am Oberrhein, pflegte im MA den engen Kontakt mit anderen Städten des südwestl. dt. Sprachraums, v.a. mit Colmar, Schlettstadt und Strassburg im Elsass oder Freiburg i.Br., sowie mit dem burgsässigen Landadel. Letzterer nahm regelmässig am ritterl. Fest- und Turnierbetrieb in der Stadt teil, bevor dieser gegen 1500 zum Erliegen kam. Insbes. der bischöfl. Hof war im 13.-14. Jh. ein Mittelpunkt ritterl. Kultur (Turniere, Dichtung, z.B. Konrads von Würzburg, Funeralkunst). Die kulturelle Ausstrahlung B.s auf die ländl. Umgebung blieb dagegen gering.

Die bildende Kunst B.s war nach dem Schwinden des burgund. Einflusses im Hoch Mittelalter in den elsäss.-oberrhein. Kulturraum eingebunden. Im späten 14. Jh. wirkte in B., namentl. bei der Wiederherstellung des Münsters nach dem Erdbeben, Johannes Parler von Gmünd, um 1470-80 Meister Jakob Sarbach (u.a. Vorbau des Spalentors, Fischmarktbrunnen). Überregionale Bedeutung erlangte um 1440 die Malschule des Konrad Witz. Die Künstler waren in der Zunft zum Himmel, der Lukasbruderschaft und der Zunft zu Hausgenossen (Goldschmiede) vereinigt.

Soziale Einrichtungen (Spitäler, Armenherbergen) waren wie das Bildungswesen bis zur Reformation mehrheitl. von kirchl. Institutionen getragen. Klosterschulen unterhielten der Barfüsser- und der Predigerorden, welchem u.a. Jakob Sprenger, der mutmassl. Mitverfasser des "Hexenhammers", angehörte. Weitere Schulen waren an St. Leonhard, St. Peter, St. Martin, St. Theodor und v.a. an das Domstift (Schule Auf Burg) angeschlossen. Daneben gab es für den Elementarunterricht zahlreiche private Schulbetriebe. Versch. Klöster (u.a. Kartause) verfügten über beachtl. Bibliotheken.

Das religiöse Leben spielte sich in B. nach den Normen der spätma. Volksfrömmigkeit ab und wurde auf Seite der Laien von den Zünften und Bruderschaften getragen. Diese pflegten einerseits den Totenkult (Jahrzeitstiftungen) und andererseits die Verehrung der berufsspezif. Heiligen. Hohe Feiertage waren in B. der Geburtstag der Stadt- und Münsterpatronin Maria (8. Sept.) sowie der Heinrichstag (13. Juli). Werner Meyer


Texte vom Historischen Lexikon der Schweiz, Bern.


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